DAS BUCH JOSUA
Lektion 11: In dem Land leben
11.2 Anschuldigungen …
Schnelles Urteil – Gefahr des Missverständnisses
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Einleitung
Ein Altar, zwei Sichtweisen – und ein beinahe tödliches Missverständnis. In Josua 22 entsteht plötzlich ein Konflikt, der das Volk Israel zu zerreißen droht. Die neun-einhalb Weststämme fühlen sich verraten, weil die Oststämme einen Altar gebaut haben. Der Vorwurf: Abfall vom Glauben. Doch die Wahrheit liegt tiefer – und sie fordert uns heute heraus, wie wir mit voreiligen Urteilen, Verdacht und zwischenmenschlichen Spannungen umgehen.
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Bibelstudium – Josua 22,9–20
1. Historischer Kontext und Struktur
Nach jahrelangem Kriegsdienst werden die zweieinhalb Stämme (Ruben, Gad, halber Stamm Manasse) von Josua mit Segen und reichen Gaben in ihr Erbteil östlich des Jordan entlassen. Sie haben ihren Teil am Kampf um das verheißene Land erfüllt (vgl. Josua 22,1–8).
Doch auf dem Rückweg errichten sie einen großen Altar am Ufer des Jordan – und das mitten im Grenzgebiet zwischen Ost- und West-Israel. Die Weststämme interpretieren dies als Bruch des Bundes mit Jahwe, da laut 5. Mose 12,13–14 Opfer nur an dem von Gott bestimmten Ort gebracht werden dürfen. Ein „zweiter Altar“ könnte als Einrichtung eines eigenen Kults verstanden werden – eine gefährliche Spaltung.
2. Sprachliche Hinweise auf Distanz
Die Autoren betonen durch Wortwahl die wachsende Distanz:
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Die Oststämme werden nun nicht mehr mit Stammesnamen bezeichnet, sondern als „Söhne Rubens … Gad … Manasse“ – eine Bezeichnung, die anonymisiert und distanziert.
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Die Weststämme nennen sich selbst „die ganze Gemeinde der Israeliten“ (V.12) – ein sprachlicher Ausschluss.
Interpretation: Die Formulierungen spiegeln die Wahrnehmung: Die Oststämme wirken plötzlich anders, fremd, nicht mehr ganz zugehörig.
3. Inhalt der Anschuldigungen
Die Weststämme sind so erschüttert, dass sie bereit sind, Krieg gegen ihre eigenen Brüder zu führen (V.12). Sie vergleichen die Situation mit zwei schrecklichen historischen Ereignissen:
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Achan (Josua 7): Ein einzelner Mann, der gegen Gottes Befehl verstieß – und dadurch das ganze Volk in Gefahr brachte.
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Baal-Peor (4. Mose 25): Ein kollektiver Abfall Israels durch Vermischung mit moabitischem Götzendienst, der Tausende das Leben kostete.
Kern der Anklage (V.16–20):
„Was ist das für eine Untreue, dass ihr euch heute gegen den HERRN auflehnt?“
Es geht nicht nur um den Altar an sich – es geht um das Herz: Ist es noch Gott treu? Oder beginnt hier eine gefährliche Rebellion?
4. Geistliche und psychologische Dynamik
Diese Passage bietet ein starkes Beispiel für eine typische menschliche Dynamik – auch in unseren Gemeinden heute:
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Beobachtung ➝ Interpretation ➝ Reaktion
Statt zu fragen, wird interpretiert. Und aus dieser Interpretation wird gehandelt.
Der Bau des Altars wird nicht hinterfragt, sondern als Abfall gedeutet. -
Die Weststämme handeln aus echter Sorge – sie wollen Gott treu bleiben und sein Gericht vermeiden. Ihre Motivation ist biblisch, aber ihr Urteil vorschnell.
Sie meinten, für die Wahrheit zu kämpfen – doch sie wussten die ganze Wahrheit nicht.
5. Vergleich mit Josua 4 – „Was bedeuten diese Steine?“
In Josua 4 baute Israel ein Steindenkmal zur Erinnerung an das Wunder am Jordan.
Auch in Josua 22 wird ein Steinbau errichtet – aber ohne Erklärung.
Der Satz aus Josua 4,6 kommt in den Sinn:
„Was bedeuten diese Steine?“
Das ist die entscheidende Frage, die nicht gestellt wird.
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Die Weststämme gehen von Bedeutung aus, statt nach der Bedeutung zu fragen.
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Das führt beinahe zum Brudermord aus einem Missverständnis.
6. Der Altar – ein Symbol, das verbindet, nicht trennt
Wir wissen aus den Folgeversen (V.21–29), dass die Oststämme den Altar nicht zum Opfern bauten, sondern als Denkmal der Einheit: Er sollte künftigen Generationen zeigen, dass auch sie Anteil am Gott Israels haben – obwohl sie geografisch getrennt leben.
Was als Zeichen der Treue gedacht war, wurde als Verrat wahrgenommen.
Der gleiche Altar – zwei gegensätzliche Deutungen.
Geistliche Lektionen
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Worte und Symbole können unterschiedlich verstanden werden – wir sollten nachfragen, bevor wir urteilen.
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Guter Eifer ohne Weisheit kann zerstören. Auch wenn unsere Absicht richtig ist, brauchen wir den Heiligen Geist, um Wahrheit mit Gnade zu verbinden.
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Die größte Gefahr für die Einheit des Volkes Gottes ist nicht der äußere Feind – sondern das Misstrauen untereinander.
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Antworten zu den Fragen
Frage 1: Welche Anschuldigungen bringen die Westjordan-Stämme gegen die Ostjordan-Stämme vor? Inwieweit waren diese begründet?
Die neun-einhalb Stämme westlich des Jordan werfen ihren Brüdern vor, sich vom Herrn und dem Glauben Israels abgewendet zu haben (Jos 22,16). Die Errichtung eines Altars wird als Rebellion, Untreue und Abfall vom wahren Gottesdienst gedeutet – möglicherweise sogar als Gründung eines neuen, parallelen Kultes.
Die Anschuldigungen im Einzelnen:
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„Ihr habt euch vom Herrn abgewandt“ (V.16): Sie sehen den Altar als Zeichen dafür, dass die Oststämme Gott nicht mehr dienen wollen.
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Erinnerung an Achan (V.20): Der Hinweis auf Achan betont, dass sogar der Fehler eines Einzelnen große Konsequenzen für das ganze Volk haben kann.
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Erinnerung an Baal-Peor (V.17): Hier geht es um die kollektive Schuld durch Götzendienst und sexuelle Unmoral.
Motiv der Ankläger: Echte Sorge um die Bundesgemeinschaft und Gottes Ehre.
Problem: Die Reaktion basiert auf einem Gerücht, nicht auf überprüften Fakten (V.11).
Waren die Anschuldigungen begründet?
Teilweise ja – aber vorschnell und auf falschen Annahmen beruhend:
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Die Sorge war nachvollziehbar: Die Geschichte Israels ist voller Beispiele, in denen kleine Abweichungen großen Schaden brachten.
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Aber die Faktenlage war unklar: Es gab keinen Beweis, dass der Altar für Opfer gedacht war.
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Die Oststämme hatten edle Absichten: Der Altar sollte ein Zeichen der Zugehörigkeit zu Jahwe sein (vgl. V.26–29).
Fazit: Die Sorge war geistlich motiviert, aber der Umgang damit war nicht gottesfürchtig, weil das Gespräch fehlte.
Frage 2: Worauf beziehen sich Jesus und Paulus, wenn sie uns ermahnen, nicht über andere zu urteilen? Warum kommt man so leicht zu falschen Schlüssen über die Motive anderer?
Bibeltexte im Überblick:
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Lukas 6,37: „Richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet.“
➤ Jesus spricht nicht gegen Urteilsvermögen, sondern gegen verurteilendes, überhebliches Richten. -
Johannes 7,24: „Richtet nicht nach dem Schein, sondern richtet ein gerechtes Gericht.“
➤ Es geht darum, nicht nach Äußerlichkeiten zu urteilen, sondern mit göttlicher Weisheit. -
1. Korinther 4,5: „Richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene ans Licht bringt.“
➤ Nur Gott kennt die Motivationen des Herzens. Wir sehen das Äußere – Gott sieht das Innere.
Warum urteilen wir oft falsch über andere?
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Wir sehen nur das Verhalten – nicht das Herz.
➤ Menschen handeln aus Angst, Verletzung, Gewohnheit – wir deuten es oft falsch. -
Wir deuten nach unserem Maßstab.
➤ Unsere Erfahrungen färben, wie wir Aussagen und Handlungen bewerten. -
Gerüchte verbreiten sich schneller als die Wahrheit.
➤ Die Weststämme handelten, weil sie „es gehört hatten“ (Jos 22,11) – nicht, weil sie geprüft hatten. -
Stolz lässt uns schnell urteilen.
➤ Es ist einfacher, Schuld beim anderen zu vermuten als das Gespräch zu suchen. -
Wir verwechseln Eifer mit Gerechtigkeit.
➤ Wie die Weststämme: Ihr Eifer war gut gemeint – aber ihr Handeln war unüberlegt und gefährlich.
Geistliche Tiefe in den Antworten:
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Ein offenes Ohr heilt mehr als ein schnelles Urteil.
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Gott erwartet keine unkritische Toleranz – aber reifes, geistgeleitetes Urteilsvermögen.
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Demut heißt: Ich könnte falsch liegen.
Zusammenfassung beider Antworten in einem Satz:
Echter Glaube urteilt nicht vorschnell, sondern sucht zuerst das Gespräch und überlässt Gott das letzte Wort über das Herz.
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Geistliche Prinzipien
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Urteile nicht, bevor du die ganze Wahrheit kennst -
Suche zuerst den Frieden, dann die Klärung -
Treue in Gemeinschaft zeigt sich auch in Konflikten -
Denke gut über deinen Bruder – bis das Gegenteil bewiesen ist -
Bete, bevor du reagierst
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Anwendung im Alltag
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In der Gemeinde: Statt über andere zu reden – mit ihnen reden
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In der Familie: Nicht jedes Verhalten ist Rebellion – oft steckt Angst, Schmerz oder Missverständnis dahinter
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In der Arbeit: Gib Kollegen die Chance, sich zu erklären
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In der Ehe: Fragen statt vermuten
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In Freundschaften: Vertraue auf das Gute – und kläre offen, wenn Zweifel bestehen
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Fazit
Josua 22 lehrt uns eine zeitlose Lektion: Missverständnisse entstehen oft, wenn Kommunikation fehlt. Die schlimmsten Konflikte entstehen nicht durch Bosheit, sondern durch ungeklärte Wahrnehmungen. Wahre Einheit braucht Gespräch, Verständnis und Demut – nicht vorschnelle Urteile.
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Gedanke des Tages
„Ein Wort zur falschen Zeit kann zerstören – ein Gespräch zur rechten Zeit kann retten.“
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Illustration
„Zwischen uns ein Fluss“
Eine Geschichte über Misstrauen, Einheit und das heilende Gespräch
Kapitel 1 – Ein letzter gemeinsamer Abend
Es war der letzte Abend. Fünf Jahre lang hatten die drei Jugendgruppen aus verschiedenen Regionen Deutschlands – Nord, Süd und Ost – Seite an Seite gearbeitet. Sie hatten gemeinsam ein christliches Hilfsprojekt in Albanien aufgebaut, eine Schule gebaut, Kinder unterrichtet, Dörfer mit Wasser versorgt. Trotz regionaler Unterschiede waren sie eins geworden – durch Schweiß, Gebet und gemeinsame Erlebnisse.
Am Fluss, der das Gelände von Nord und Süd trennte, entstand in diesen Tagen ein schlichtes, aber kraftvolles Denkmal: ein aus Steinen aufgeschichteter „Altar der Erinnerung“. Keine Opferstätte, kein Prunk – nur ein Symbol. Er sollte an den gemeinsamen Dienst erinnern – und für kommende Generationen sichtbar machen: „Hier standen junge Menschen gemeinsam für Gottes Sache ein.“
Die Ostgruppe, die am weitesten weg wohnte, errichtete das Denkmal auf ihrem Heimweg, nahe der Brücke – ohne viel Aufsehen. Sie wollten, dass es überrascht – als Zeichen der Dankbarkeit und Verbundenheit.
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Kapitel 2 – Das Bild in den Gruppenchat
Am nächsten Morgen tauchte ein Bild auf: „Schaut mal!“, schrieb jemand im Süd-Chat, „Was ist das da am Fluss? Ist das ein Altar? Ein neues Symbol? Ohne uns?“
Binnen Stunden überschlugen sich die Kommentare:
– „Was soll das heißen?“
– „Machen die ihr eigenes Ding?“
– „Wir hätten gefragt werden müssen!“
– „Das ist Spaltung, kein Gedenken.“
– „Ich dachte, wir waren eins …“
Ein älterer Jugendleiter, Herr Benz, kommentierte kühl: „Solche Dinge hat man schon gesehen – heute ein Denkmal, morgen eine eigene Gruppe.“
Noch am selben Abend wurde ein „Not-Treffen“ der Süd- und Nordgruppenleiter einberufen – ohne Beteiligung der Ostgruppe.
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Kapitel 3 – Die Anklage
In einem Videocall mit über 30 Teilnehmern ging es heiß her. Die Emotionen kochten.
„Ein Altar ist ein starkes Symbol – und wenn es nicht in Absprache mit allen gebaut wird, ist das ein Zeichen der Trennung.“
„Wer sich trennt, hat auch andere Ziele.“
„Wer weiß, was sie vorhaben …?“
Niemand wusste, warum der Altar gebaut worden war – aber jeder hatte eine Meinung dazu.
Am Ende war klar: Es muss ein offizielles Schreiben an die Ostgruppe geben. Eine Mahnung. Eine Warnung. Einige forderten sogar, die Zusammenarbeit zu beenden.
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Kapitel 4 – Der Anruf
Es war Lara, 23, aus der Nordgruppe, die leise, aber mutig die Hand hob:
„Darf ich… vielleicht einfach mal fragen, warum sie das gemacht haben?“
Einige verdrehten die Augen.
„Wozu? Die Bilder sprechen doch für sich!“
„Vielleicht nicht“, sagte Lara ruhig.
Am nächsten Tag rief sie Jonas an – den Gruppenleiter der Ostgruppe.
„Hey. Es geht um diesen Altar…“
Stille.
„Wir wollten euch nicht ausschließen“, sagte Jonas sanft.
„Es war ein Denkmal. Für euch. Für alle. Für das, was Gott durch uns getan hat.“
Lara schwieg – und dann flossen Tränen.
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Kapitel 5 – Das Gespräch am Fluss
Zwei Wochen später trafen sich alle Gruppen erneut – am Fluss. Vor dem Altar. Jonas und sein Team erklärten:
„Wir wollten einen Ort schaffen, an dem wir uns erinnern können – an das, was uns verbunden hat. Der Altar ist kein neues Kapitel ohne euch – sondern ein Stein der Einheit.“
Stille.
Dann trat Herr Benz vor, der Kritiker vom ersten Tag.
„Ich … habe vorschnell geurteilt. Ohne zu fragen. Das tut mir leid.“
Und eine junge Teilnehmerin aus dem Süden sagte leise:
„Ich dachte, ihr wollt uns loswerden. Dabei wolltet ihr uns ehren.“
Man nahm sich in den Arm. Man betete. Man lachte.
Der Altar wurde nicht entfernt.
Er wurde ergänzt – mit einer Tafel:
„Zur Erinnerung an den gemeinsamen Glauben – und an das Gespräch, das alles heilte.“
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Schlussgedanken zur Geschichte:
Diese Geschichte ist fiktiv – aber realistisch.
Wie oft bauen wir Mauern, wo Brücken sein sollten?
Wie schnell urteilen wir – ohne zu fragen?
Und wie sehr sehnt sich Gott danach, dass sein Volk zuerst zuhört, dann urteilt – und am liebsten: versteht.
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Geistliche Botschaft der Geschichte:
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Missverständnisse entstehen durch Schweigen.
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Klärung entsteht durch Fragen.
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Einheit wächst durch Zuhören.
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Glaube wird stark, wenn wir auch in der Spannung verbunden bleiben.
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Gedanke des Tages:
„Ein Altar ohne Erklärung kann wie eine Trennung wirken – aber mit dem richtigen Gespräch wird er zum Zeichen der Einheit.“
*Sursa: Christliche Ressourcen